Geschichte der Narrenzunft STEGSTRECKER e.V. Pfullendorf

 

Bei der unbestrittenen Tradition der ehemaligen freien Reichsstadt Pfullendorf dürfte es auf der Hand liegen, dass fasnachtliches Brauchtum seit jeher auch in ihren Mauern vor den gestrengen Tagen der Fastenzeit geübt und gepflegt wurde. Vage Andeutungen über solches närrisches Tun lassen sich aus Rechnungen des Spitals herauslesen, die Angaben über Weinrationen an die Bürgerschaft und den Rat zur Fasnetszeit enthalten.

Ansonsten liegen Narrentreiben, Herkunft und ihre ersten Erscheinungsformen in Pfullendorf ziemlich im Dunkeln. Während etablierte Narrenzünfte mit vollständigen Chroniken lückenlose Nachweise vorlegen können, tut sich die Zunft der Stegstrecker in dieser Hinsicht schwer, denn in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg sind die unschätzbaren Unterlagen verloren gegangen. Die Folge: Man ist gezwungen, sich auf Erinnerungen einiger Altnarren aus verschiedenen Generationen zu stützen, die wenigstens teilweise - aus ihrer subjektiven Sicht heraus - Vergangenheit wieder lebendig machen konnten. Zum Glück hat man neben alten Zeitungsausschnitten auch alte Rechnungen (seit 1885) sowie verschiedene Bilder vor der Jahrhundertwende zur Hand, als einigermaßen handfeste Belege über die Narrengesellschaft.

Zunächst waren es in Pfullendorf die Handwerkszünfte, die das Brauchtum der Fasnet lebendig erhielten. Nach den Umwälzungen des Jahres 1803, als die Verwaltung der Stadt von den badischen Regierung übernommen wurde, muss es zunächst um närrisches Geschehen still geworden sein.

Nach langen Jahren war es dann Malermeister Johann Nepomuk Lang, der das Fasnettreiben wieder neu organisierte und im Januar des Jahres 1856 eine „Narren- und Maskengesellschaft“ in Pfullendorf gründete.

Mit einem ersten Auftritt, der Aufführung von „Wallensteins Lager“ am 4. Februar 1856 legte Lang den Grundstein zur Tradition der Fasnetspiele in Pfullendorf, die in den folgenden Jahren immer wieder gepflegt wurden.

Nach wechselvollen Jahren mit unvermeidlichen Höhen und Tiefen übernahm im Jahre 1895 Medizinalrat Dr. Josef Schreck - der Texter des Pfullendorfer Narrenmarsches - den Vorsitz. Er gründete die Gesellschaft nun als Verein neu, den er auf den launigen Namen „Narhalla“ taufte.

Der Schwung des Neugründers reichte aus, noch im selben Jahr ein monumentales Fasnetsspiel „Prinz Karneval besucht die ehemalige freie Reichsstadt mit dem Riesenzirkus Wei-Hei-Wei und Hagenbecks Menagerie“ aufzuziehen und zudem die erste Narrenzeitung herauszugeben, die seither fester Bestandteil der Pfullendorfer Fasnet ist.

Mit seinem Vorgänger Nepomuk Lang als Narrenvater und der Narrenmutter in Person des Löwenirtes Roßknecht hatte Dr. Schreck verlässliche Mitarbeiter und Mitstreiter. Unter diesem Triumvirat wurde jetzt Jahr für Jahr Fasnet großen Stils aufgezogen.

So 1896 das historische Fest und der Narrenumzug unter dem Motto „Die Deutschen, wie sie sind und waren“, eine Maskenschau noch nie da gewesenen Ausmaßes, welches ganz Pfullendorf auf die Beine brachte.

1897 landete Prinz Karneval sogar mit dem Fesselballon, um eine große Narrenrevue abzunehmen.

Auch im Jahr danach trumpften die Pfullendorfer Narren auf, als ein weiterer großer Festumzug über 400 Mitwirkende auf die Beine brachte.

Dann allerdings war die Luft, vor allen auch wegen der schwindenden Finanzen, vorübergehend draußen.

Zwar wurde das Jahr 1900 noch einmal mit dem Fasnetspiel „Die Römer im Oberen Linzgau“ zu einem Schlager, doch dann hatte es sich auch schon an Höhepunkten.

Allerdings wurde Jahr für Jahr am traditionellen Narrenbaumsetzen festgehalten.

Mit Malermeister August Heinzle übernahm im Jahre 1906 ein ausgesprochenes Rednertalent und begabter Laienschauspieler die Pfullendorfer Narhalla.

Unter seiner Führung - über 50 Jahre - wurden die Gruppen der Hexen, Schneller, Trachten und Hänsele neu formiert und der Zeit angeglichen.

Aber auch Heinzle und sein Getreuen wurden von den Ereignissen der Kriegs- und Nachkriegszeit überrollt.

1925 erlebte man eine neue Blüte und 1928, nach weiteren Neugründungen geradezu einen Höhepunkt mit dem noch vielen Pfullendorfern  unvergessenen Festspiel „Einzug der Schweden unter Generalfeldmarschall Horn“. Doch die wirtschaftlichen Krisenjahre stoppen diesen Höhenflug jäh wieder ab.

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Einen besonderen Höhepunkt erlebte nach diesen Rückschlägen das Jahr 1935 mit der Uraufführung des Stegstreckerspieles.

Alles Brauchtrum erstarb unter den Jahren des dann folgenden 2. Weltkrieges, dessen Begleiterscheinungen für fast zehn Jahre jeden Gedanken an Fasnetumtriebe wegwischte.

Ein Neuanfang gemacht wurde mit der Bildung eines neuen Narrenrates im Jahr 1949. Bis 1957 wirkte mit der Stabilisierung der Wiederaufbaujahre noch das Idol der Pfullendorfer Fasnet, August Heinzle. Dann trat der 83jährige, von einer Krankheit gezwungen, ab. Er wurde am 11.11.1960 zum Ehrenzunftmeister ernannt und verstarb am 25. März 1975.

Ihm folgten in einer Interimszeit mehrere Zunftmeister in der Leitung, der sich seit Neubeginn im Jahre 1948 nun offiziell „Narrenzunft Stegstrecker“ nennenden Narrengesellschaft nach.

1959 war es das Pfullendorfer Original, Bäckermeister Hermann Eisele, der für kurze Zeit die Regentschaft über alle Pfullendorfer Narren übernahm.

Unter seiner Ägide wurde das Zunfthaus in der Pfarrhofgasse gebaut und am 11.11.1960 eingeweiht.

1962 wurde er zum Ehrenzunftmeister ernannt und verstarb am 30. Dezember 1975.

1961 gab es dann einen weiteren Wechsel bei den Stegstreckern. Paul Kerle zog als neuer Zunftmeister in das Zunfthaus ein. Bis 1981, genau 20 Jahre hielt er das Zepter der Pfullendorfer Narren in der Hand.

Höhepunkte seiner Regentschaft waren im Jahre 1964 das große Treffen der historischen Zünfte Markdorf, Meersburg, Meßkirch, Radolfzell, Stockach und Überlingen in Pfullendorf

sowie der Einzug Kaiser Josef II mit großem Gefolge in die freie Reichsstadt Pfullendorf im Jahre 1972,ein Narrentreffen mit ca. 3.000 Maskenträgern und über 30 Zünften im Jahre 1973,

die Gründung der Nidlergruppe im Jahre 1976 und eine pompöse Hochzeitsfeier des Narrenelternpaares Otto Ritter und Heinz Kühnlenz im Jahre 1978, wobei Letzterer als Narrenmutter auch im Jahre 2006 noch im Amt ist.

Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich auch das große Narrentreffen im Jahre 1981 aus Anlaß der 125jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten des Bestehens der Narrengesellschaft/Narrenzunft Pfullendorf.

Paul Kerle wurde am 23. Juni 1981 zum Ehrenzunftmeister ernannt.

1981 übernahm Heinz Bosch das Amt des Zunftmeisters und leitete vier Jahre die Geschicke der Pfullendorfer Narren.

Sein Nachfolger wurde 1985 Schlossermeister Elmar Vogler. Sein Amt endete am 3. Januar 1994, als er viel zu früh durch einen Herzinfarkt aus der Mitte seiner Narren gerissen wurde.

Ein Höhepunkt in seiner Amtszeit war sicherlich das 25jährige Jubiläum des Zunfthauses, welches von der Zunft groß gefeiert wurde.

Bis 1995 wurde das Amt des Zunftmeisters durch seinen Stellvertreter, Karl Fehrenbach kommissarisch wahrgenommen. Dann übernahm er das Amt des Zunftmeisters, welches er auch im Jahre 2006 noch ausübt.

Höhepunkte in seiner Amtszeit waren sicherlich die Aufführung des Stegstreckerspieles anlässlich der 775-Jahr-Feier der Stadt Pfullendorf im Jahre 1995 sowie im Jahre 1997 die Narrenhochzeit des neuen Narrenelternpaares, des stellvertretenden Zunftmeisters und neuem Narrenvaters, Thomas Obert und der alten Narrenmutter, Heinz Kühnlenz und die Gründung einer neuen Gruppe, der Schaalweiber, im Jahre 1998.

Weitere Höhepunkte waren die Durchführung der Hauptversammlung der Vereinigung

Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte im Jahre 2000 in der Linzgaumetropole und das Landschaftstreffen der Landschaft Bodensee-Linzga-Schweiz mit vielen tausend Maskenträger und einem zweitägigen Fest im Jahre 2003.

In der Fasnet 2006 wurde das 15o jährige Jubiläum der Zunft nur im kleinen Rahmen gefeiert.

Als Höhepunkt gab es jedoch am Schmotzigen Dunschdig am Abend das Stegstreckerspiel und am Fasnetdienstig wurde eine große Hexenverbrennung mit Prolog und bengalischer Beleuchtung durchgeführt.

Über 500 Mitglieder gehören der Zunft an, von denen über 200 Jahr für Jahr ins Häs schlüpfen, um das Brauchtum in Pfullendorf hochzuhalten.

Sie sind in fünf verschiedenen Gruppen, den Hexen, den Hänsele, den Nidlern, den Schnellern und den Schaalweibern in die Zunft eingegliedert.

Bis 1998 waren auch die Trachten eine Gruppe unserer Zunft, doch dann machten sie sich selbständig und sind nun ein eigener Verein.

Die Gliederungen der Zunft:

1. Über alles residiert der Zunftmeister mit seinem Narrenrat, der sich aus dem Vorstand und bis zu elf Narrenräten zusammen setzt.

2. Aus dem Narrenrat kommt auch der Narrenpolizei, der gekleidet ist in der Art des badischen Ortspolizisten von 1850.

Er ist in der Pfullendorfer Fasnet seit 1895 anzutreffen.

3. Ebenfalls aus dem Narrenrat kommen die Narreneltern. „Sie“, nach altem Brauch ein Mann in der Linzgautracht mit Radhaube, „Er“, der Narrenvater, trägt ein frühes Biedermeierkostüm mit Samthose und Gehrock. Diese traditionellen Narrenfiguren treten bereits seit dem Jahre 1856 in der Pfullendorfer Fasnet auf.

4. Die Gruppe der Schneller. Er trägt einen Fuhrmannskittel aus dem 19. Jahrhundert mit Reithose und Schaftstiefeln sowie einer schwarzen Zipfelmütze. Sein Handwerkszeug ist die 2,80 bis 4 Meter lange Karbatsche.

Es ist die älteste Gruppe der Zunft, Schneller traten bereits Mitte der 19. Jahrhunderts auf.

Seit 1926 wecken sie die Bürger unserer Stadt am Schmotzigen Dunschdig. Ebenso wird die Fasnet am 6. Januar um 12 Uhr durch die Gilde eingeschnellt. Außerdem wird seit 1926 ein Preisschnellen durchgeführt, wobei der beste Schneller gekürt wird.

5. Die Gruppe der Nidler. Die Gruppe besteht seit 1976. Sie entspringt einem mittelalter-lichen Brauch und es gehören ihr nur weibliche Mitglieder an.

Das Häs besteht aus einem Kasak von beiger Farbe und einer schokoladenbraunen Kapuze. Dazu gehört eine glatte Holzmaske mit angesetzter Kapuzenhaube und Fuchsschwanz. Die Kinder laufen ohne Maske. Der Nidler hat in der Hand einen Haselnussstecken mit Holzringen und kleinen Schellen, die Krach beim Aufschlagen machen. Schellen befinden sich auch am Kasak.

6. Die Gruppe der Hexen. Nur männliche Mitglieder. Die Gruppe besteht seit 1948. Das Kleid besteht aus Rock, Bluse, Schürze und Kopftuch, in Farbe und Stoffmuster verschieden. Die Maske besteht aus Pappmaschee und wird von Gruppenmitgliedern mit verschiedenen Leimen und Farben noch selbst gefertigt. An den Beinen trägt sie Ringelstrümpfe und an den Füßen Strohschuhe. Natürlich gehören auch die anderen weiblichen Attribute, wie lange Unterhose und weißer gestärkter Unterrock mit Spitzenbesatz dazu. Mitgeführt wird außerdem ein Hexenwagen, auf dem allerlei Übelriechendes, z.B. Knochen und Borsten vor sich hinköcheln. Zur Ausrüstung der Hexen gehört der Besen und das Bügeleisen. Seit ca. 1996 machen die Hexen mit ihren Besen eine Pyramide, auf der eine Hexe sitzt und darunter wird der Hexenwagen durchgeschoben.

Seit 1950 wird zum Ausklang der Fasnet am Fasnetdienstig nach Einbruch der Dunkelheit eine Strohhexe verbrannt. Bei Festlichkeiten (Stadtjubiläum, Jubiläum der Zunft usw.) wird eine große Verbrennung mit Walpurgisnacht durchgeführt.

7. Die Gruppe der Hänsele. Unter dem Hänselekostüm sind Frauen und Männer anzutreffen. Sie tragen eine Plätzlekleid ohne feste Farbzusammenstellung. An der Kapuze ist die Maske, bestehend aus kleinen Plätzlen in den Stadtfarben, angebracht. Er trägt bei Umzügen die Saubloder. Damit man ihn auch hört, hat der Hänsele in sein Häs kleine Schellen eingenäht, die beim Jucken ein vielstimmiges Geläut abgeben. Offiziell gibt es die Hänsele seit 1895. Organisiert tritt diese Gruppe seit 1928 auf.

8. Die jüngste Gruppe der Zunft sind die Schaalweiber. Sie trat erstmals in der Fasnet 1998 in Erscheinung. Die Gruppe ist vorerst nur für Frauen gedacht. Das Schaalweib trägt einen langen schwarzen Rock und ein ebenso farbliches Oberteil. Die Maske war zunächst eine aus mehrfachen Leinen geleimte Bergamasker-Larve, die bemalt war, daran drapiert ein Wiener Tuch. Neuerdings wurde die sehr anfällige Leinenmaske durch eine feine Holzmaske ersetzt. Dieses Tuch wird auch als Umhang benutzt. Dazu gehören noch geschnürte Stiefeletten, Handschuhe, Täschchen und Schirm.

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Zunftgeschichte